Online-Services: Time Warner will AOL noch nicht abstoßen
Ganz andere Töne als noch vor ein paar Monaten schlägt der Medienkonzern Time Warner an, was die Zukunft des Online-Dienstes America Online (AOL) betrifft. Auf der diesjährigen Aktionärsversammlung verkündete Aufsichtsratsvorsitzender Richard Parsons, von einem Verkauf der Online-Sparte könne keine Rede sein, zumindest nicht "in naher Zukunft".
Wie das Wall Street Journal in seiner Samstags-Ausgabe berichtet, denkt Time Warner weder daran, AOL als eigenständiges Unternehmen aus dem Konzern auszugliedern noch den Online-Dienst zu verkaufen. Dieser Meinungswandel hatte sich bereits Ende April angedeutet, als AOL für das erste Quartal des laufenden Geschäftsjahres einen Umsatz von 2,19 Milliarden Dollar meldete. Dies war zwar "nur" ebenso viel wie im selben Zeitraum des Vorjahres; aber immerhin konnte der Service den Abwärtstrend stoppen und dank harter Sparmaßnahmen den operativen Gewinn steigern. Zum Vergleich: Time Warner erzielte in den ersten drei Monaten einen Umsatz von 10,1 Milliarden Dollar und einen Gewinn von 961 Millionen Dollar.
Derzeit hat AOL etwa 24 Millionen registrierte Nutzer, verliert aber immer noch User an Konkurrenten wie MSN oder Yahoo - in den ersten drei Monaten rund 240 000. Um diese Entwicklung zu stoppen, hat AOL unter anderem seinen E-Mail-Service "aufgepeppt":
Seit April haben Mitglieder beispielsweise die Option, sich ihre elektronischen Nachrichten auch mithilfe des Tools "Open Mail Access" ausgeben zu lassen, das neben POP3 (Post Office Protocol) auch IMAP (Internet Mail Access Protocol) unterstützt. Der Nutzer ist zudem nicht mehr auf das AOL-Frontend angewiesen, sondern kann als Client auch Outlook oder Outlook Express von Microsoft verwenden. Außerdem hat AOL seinen Service für das Bearbeiten und Ausdrucken von digitalen Fotos erweitert.
Solche Verbesserungen waren längst überfällig, zumal sich bei Online-Diensten und -Portalen derzeit eine "Schlacht" ungeahnten Ausmaßes anbahnt: Google steigt ins E-Mail-Geschäft ein, Microsoft baut im Gegenzug die Suchmaschinen-Funktionen von MSN aus; auch Yahoo und Lycos integrieren neue Funktionen oder locken mit neuen Features, etwa Speicherplatz von 100 MByte bis 1 GByte für ihre Web-Mailer. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Firmen weitere Kommunikationsdienste anbieten, und sei es durch Kooperationen mit Betreibern von Mobilfunknetzen oder öffentlich zugänglichen Wireless LANs (Hotspots). Das bedeutet, der Druck auf AOL wird in den kommenden Monaten eher zu- als abnehmen. Vielleicht revidiert Time-Warner-Chef Parsons dann seine Aussage und setzt dann doch auf die Karte "Abstoßen".
Verfasst von: Bernd Reder am 23.05.04, 12:46
