Totale Amnesie: Durchschnittlich lebt eine Webseite nur 44 Tage!
Als teilweise verhängnisvolle Entwicklung bezeichnet Neil Beagrie von der British Library die Digitalisierung aller Informationen. In einem interessanten Interview mit der SAP-eigenen Online-Publikation SAP Info weist er unter anderem darauf hin, dass digitale Informationen im Gegensatz zu früheren medialen Aufzeichnungen wie Büchern nicht mehr rein zufällig überleben werden. Zudem haben Berechnungen ergeben, dass die durchschnittliche Lebensdauer einer Webseite nur 44 Tage betrage - einschließlich bedeutender Datenressourcen.
Das Hauptproblem bei der Erhaltung digitaler Daten ergibt sich laut Beagrie aus der Notwendigkeit einer permanenten Datenpflege. Aufgrund der ständig neuen Datenträger und Datenformate ist die Archivierungslebensdauer sehr kurz. Nur Organisationen, die einen entsprechenden Aufwand betreiben, können Daten dauerhaft erhalten. Bemerkenswert sei auch die wachsende Kluft zwischen der Fähigkeit, enorme Datenmengen zu erzeugen und der Fähigkeit, diese zu verwalten und erhalten.
Zuverlässige Techniken wie Migration und Emulation seien zwar verfügbar, ebenso Massenspeicher, Backup- und Kopiersysteme, es fehle aber an Anbietern, die sich um langfristige Themen wie Skalierbarkeit und Interoperabilität kümmern.
Wäre mal der Frage nachzugehen, wie gut eigentlich cyDome gegen den totalen Verfall gesichert ist...
Verfasst von: Wolfgang Miedl am 04.08.04, 00:08Das Problem ist nicht neu und es gibt bereits Bemühungen, das Web zu archivieren: http://www.webhistory.org
Leider im Moment nicht öffentlich zugänglich.
Verfasst von: Silke Schümann am 04.08.04, 00:22
@Silke Schümann Ich sehe hier kein Problem, sondern eine Lösung. Das Netz funktioniert ähnlich wie das menschliche Gehirn. Dessen wichtigste Fähigkeit besteht ja darin, irrelevante Informationen vergessen zu können. Das Web zu archivieren, halte ich für eine Schnapsidee.
Ansonsten irrt Neil Beagrie hier meiner Ansicht nach ganz gewaltig. Diese These wird sehr häufig vertreten, wenn sich ein Bibliothekar zum Thema elektronische Medien äußert. Es ist gewissermaßen der letzte Strohhalm, an den sich viele klammern. Man muss sich nur mal ansehen, welcher Aufwand getrieben werden muss, um Informationen, die auf Papier gespeichert wurden, verfügbar zu halten. Man sollte Herrn Beagrie fragen, wie viele Leute sich damit in der British Library beschäftigen.
Dagegen ist die Konvertierung von Daten in ein anderes Format oder das Kopieren auf ein anderes Medium mehr oder weniger trivial. Meines Erachtens ist genau das Gegenteil der Fall. Einer der größten Vorzüge digitaler Medien liegt in ihrer besonderen Eignung zur Langzeitarchivierung von Informationen aller Art. Die gesamte British Library ließe sich als digitale Bibliothek vermutlich mit einer Hand voll Leute betreiben und zwar inklusive aller Konvertierungsarbeiten, die aller Jubeljahre mal anfallen.
Verfasst von: Michael Pietroforte am 04.08.04, 08:14
Einer der größten Vorzüge digitaler Medien liegt in ihrer besonderen Eignung zur Langzeitarchivierung von Informationen aller Art.
Da stimme ich Ihnen nciht zu, Herr Pietroforte. Magnetbänder von vor 30 Jahren lassen sich jetzt schon nicht mehr lesen. Nicht das diese defekt wären, nein, es gibt keine Geräte mehr, die sie lesen können. In der Zukunft wird das mit CDs, DVDs und anderen Datenträger nicht besser aussehen. Im Gegenteil die Informationen die auf diesen Datenträgern liegen, werden wachsen. Ganz zu schweigen von Hürden wie Komprimierung und Dateiformate.
Die gesamte British Library ließe sich als digitale Bibliothek vermutlich mit einer Hand voll Leute betreiben und zwar inklusive aller Konvertierungsarbeiten, die aller Jubeljahre mal anfallen.
Möchten Sie wirklich den Generationen die nach uns kommen die Sissifussarbeit auferlegen, das zuvor gespeicherte Wissen immer wieder neu zu konvertieren, plus dem eigenen. Ich möchte nicht den Teufel an die Wand malen, aber im Gegensatz zu Steintafeln die unsere Vofahren verwendet haben, können die heutigen Datenträger, keine 3000 Jahre überdauern.
Verfasst von: Thilo am 04.08.04, 15:04
Zunächst einmal muss ich einen Irrtum eingestehen. Beim Lesen von Wolfgang Miedls Beitrag hatte ich Herrn Beagrie fälschlicherweise eine Position zugeschrieben, die ich sehr häufig von Bibliothekaren höre. Nämlich, dass sich digitale Medien nicht zur Langzeitarchivierung eignen, beziehungsweise der Aufwand dafür zu groß sei. Er scheint wohl eher die Auffassung zu vertreten, dass durch eine aktive Pflege digitaler Medien diese sehr wohl auch längerfristig archivierbar sind.
Das Problem mit den 30 Jahren alten Bändern besteht natürlich. Allerdings ist es kein unlösbares Problem, was in dem Interview auch rüberkommt. Ein digitale Bibliothek sollte man sich nicht als ein mit Bändern, Disketten und CDs voll gestopftes Magazin vorstellen. Man sollte vielmehr an ein Volltextarchiv denken, in dem digitale Inhalte mit Metadaten versehen in einem Datenbanksystem gespeichert werden. Das ist keine Utopie, sondern schon seit einiger Zeit der Trend bei Bibliotheken und Wissenschaftsverlagen.
Die gesamte British Library hätte in digitaler Form vermutlich schon heute in einem geräumigen Wohnzimmer Platz. Es wird wohl nicht allzu lang dauern, bis ein gewöhnlicher PC dafür ausreicht. Der Transfer auf das neue System, evtl. auch in einem vollkommen anderen Format, geschieht dann wahrscheinlich mehr oder weniger auf Knopfdruck.
Im Gegensatz zu den Printmedien lassen sich digitale Inhalte über Jahrmillionen aufbewahren und nicht nur für einige Jahrhunderte.
Verfasst von: Michael Pietroforte am 04.08.04, 19:07
Das Problem bei der Entscheidung, welche Daten man besser vergisst und welche man sinnvoller Weise dokumentiert, gibt es erhebliche Verschiebungen in den Prioritäten. Nachfolgende Generationen legen ihre Prioritäten hier nicht selten auf der Basis völlig verschiednener Ansichten.
Dokumente wiederum gnadenlos in 0 und 1 zu pressen ist definitiv kein Ersatz. Andererseits werden auch Stein, Papyrus und Leinen irgendwann dem Zerfall anheim fallen.
Was die Entschlüsselung von kryptisch erhaltenen Daten anbelangt, so geben die Knotenschnüre und Kerbhölzer früherer Kulturen heute auch ganz knifflige Rätsel auf. Das ist nicht neu.
Ich halte es für ein edeles Bemühen soviel es eben geht zu archivieren und ich halte es für normal damit zu einem gewissen Grad zu scheitern.
Wer weiß, vielleicht werden in 1000 Jahren unsere Nachfahren nur noch aus zerfallenen Resten von Computerkatalogen wissen, wie wir einen Großteil schriftlicher Kommunikation in kleine Blechkisten mit metallbemalten Plastikscheiben und Kupferdrähten stopften und keiner wird dem dazugehörigen Schrott auch nur ein Bit entlocken können.
Verfasst von: Silke Schümann am 04.08.04, 22:18

